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eActros im Praxistest

Erste Erfahrungen aus dem Fernverkehr

Im Rahmen eines einwöchigen Praxistests im Fernverkehr hatten wir die Möglichkeit, einen Mercedes-Benz eActros im realen Einsatz zu testen. Besonderheit dabei: Der Test fand direkt im Fernverkehr statt – dort, wo Reichweite, Ladeinfrastruktur und Zeitfenster entscheidend sind. Unser Fahrer Herr Vietrov berichtet offen über seine Eindrücke aus dem Alltag.



Fahrgefühl: Leise, kraftvoll und komfortabel

Beim Fahrverhalten überzeugt der eActros auf ganzer Linie. Die ruhige Fahrt, die direkte Beschleunigung und der hohe Komfort fallen sofort positiv auf.

Laut Vietrov macht das Fahren richtig Spaß, da der Lkw deutlich schneller beschleunige als ein Diesel und dabei sehr leise sei.

Gerade diese Ruhe an Bord empfindet Vietrov als angenehm. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass andere Verkehrsteilnehmer den Lkw oft erst spät wahrnehmen – ein Aspekt, der im Alltag erhöhte Aufmerksamkeit erfordert.



Reichweite: Theorie und Praxis klaffen auseinander

Die vom Hersteller angegebene Reichweite von rund 500 Kilometern lässt sich unter realen Bedingungen nicht bestätigen. Bei Wintertemperaturen, 24 Tonnen Zuladung und Steigungen liegt die praktische Reichweite eher bei 300 bis 350 Kilometern. Vor allem im bergigen Gelände sinkt der Akkustand schneller als erwartet.



Laden: Aktuell die größte Herausforderung

Für Vietrov stellte das Laden unterwegs die größte Herausforderung dar. Zwar gibt es zunehmend Schnellladestationen, diese sind jedoch häufig nicht für Lkw mit Auflieger ausgelegt. In vielen Fällen ist ein Absatteln notwendig, was zusätzlichen Zeitaufwand und geeignete Stellflächen erfordert.


Er berichtet: „Mit dem Laden habe ich keinen Spaß. Fahren ist super, aber das Laden kostet Zeit und Nerven.“


An Schnellladestationen mit bis zu 300 kW dauerte der Ladevorgang von 30 auf 80 Prozent rund zwei Stunden. Die letzten 20 Prozent laden sehr langsam und werden im Alltag meist nicht abgewartet. Erschwerend kommt hinzu, dass unterschiedliche Ladekarten notwendig sind, da nicht jede Karte an jeder Lkw-tauglichen Station funktioniert.



Planung und Alltagstauglichkeit

Nach Einschätzung von Vietrov erfordert der Einsatz des eActros aktuell eine sehr genaue Routen- und Ladeplanung. Zeitfenster lassen sich nicht immer zuverlässig einhalten, wenn Ladevorgänge länger dauern oder geeignete Ladepunkte fehlen. Auch Faktoren wie Energieverbrauch im Stand oder fehlende Preistransparenz bei Ladestationen spielen im täglichen Einsatz eine Rolle.


Unternehmenssicht: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Neben der Fahrfreude, die unser Fahrer mehrfach zum Ausdruck gebracht hat, fällt unser Fazit als Unternehmen allerdings nüchtern aus: Bereits bei den Investitionskosten zeigt sich eine deutliche Diskrepanz. Die Anschaffung eines E-Lkw ist im Vergleich mehr als doppelt so hoch wie die eines konventionellen Diesel-Fahrzeugs. Zwar profitieren E-Fahrzeuge derzeit von der Mautbefreiung, bei unserem tatsächlichen Einsatzprofil reicht dieser Vorteil jedoch nicht aus, um die deutlich höheren Gesamtkosten auszugleichen.

Zusätzlich waren wir im Praxisbetrieb überrascht, wie hoch die Strompreise an öffentlichen Ladesäulen tatsächlich ausfallen – ein Punkt, der die erhofften Betriebskostenvorteile weiter relativiert. Aufgrund der weiterhin unzureichenden, nicht flächendeckenden Ladeinfrastruktur im Fernverkehr kämen auch noch notwendige Investitionen in die eigene Ladeinfrastruktur auf uns zu.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein E-Lkw für unser Unternehmen und für unsere Einsatztätigkeiten wirtschaftlich nicht sinnvoll darstellbar. Wir stehen neuen Technologien zwar offen gegenüber, setzen jedoch auf realistische Rahmenbedingungen. Sobald Kosten, Energiepreise und Infrastruktur zusammenpassen, werden wir den Einsatz von E-Lkw neu bewerten.



Fazit: Viel Potenzial – aber noch nicht für jede Strecke

Technisch und fahrerisch überzeugt der eActros eindeutig: Fahrspaß, Komfort und der Umweltaspekt sprechen klar für das Fahrzeug. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung aus Unternehmersicht, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aktuell noch nicht für einen breiten Einsatz im Fernverkehr passen. Die hohen Anschaffungskosten, die Strompreise an öffentlichen Ladesäulen und die unzureichende Ladeinfrastruktur begrenzen die Alltagstauglichkeit deutlich.


Für Graeff bedeutet das: Wir beobachten die Entwicklung weiter, testen neue Technologien und wägen den Einsatz von E-Lkw genau ab, sobald die Rahmenbedingungen passen.



Redaktion & Texte: Katharina Graeff | Fotos: Alexander Kästel

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